Commons als Lebensstil

In den letzten Jahren sind vielerorts Offene Werkstätten, Gemeinschaftsgärten, FabLabs, Repair Cafés, Knit Nites, Maker Spaces, Strickmobs und weitere Räume und Formen des Do it yourself (DIY) in den Blick einer breiteren Öffentlichkeit gerückt. Sie entwerfen mit ihren Kulturen des Selbermachens, des Commoning und der Re-Etablierung von Nahbezügen neue Bilder von Urbanität und reflektieren erste Konturen einer grünen, inklusiven und kooperativen Stadtgesellschaft.

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Die neuen Formen des Do it yourself und des Do it together sind eine Antwort auf den tiefgreifenden Transformationsprozess, in dem sich die westlichen Konsum- und Wohlstandsgesellschaften derzeit befinden. Die globale Energie- und Ressourcenkrise ist dabei nur ein Teil der Kulisse, vor der in den Städten bislang unbekannte Räume und Architekturen des Gemeinschaftlichen erscheinen. Sie antworten auch auf die Privatisierung des öffentlichen Raums, auf die Flexibilisierung der Arbeit oder die Beschleunigung und Verdichtung von Zeiterfahrungen.

Im Fokus der neuen DIY-Bewegung stehen Gärtnern, Teilen und Tauschen, Selbermachen, Upcycling, die Umdeutung und Wiederaneignung von handwerklichen Fähigkeiten, die Öffnung von Design und Schaltplänen, das Schaffen von Allmenden, das „Hacken“ von Dingen und das „Hacken“ von Räumen. Ressourcen werden gemeinsam bewirtschaftet, öffentliche Flächen für gemeinwohlorientierte Nutzungen reklamiert.

Die neuen Aktivitäten werden unter Schlagworten wie Sharing Economy, kollaborativer Konsum oder smarte Nutzung öffentlich verhandelt. Sie sind dabei Ausdruck einer höchst pragmatischen Kapitalismus- und Konsumkritik und können als Versuche gelesen werden, die gesellschaftlich zentrale Rolle des Konsumenten produktiv zu wenden.

Charakteristisch für die neuen Projekte ist, dass sie konkrete Antworten geben: Sie veranstalten Repair-Cafés, damit die Dinge länger halten, sie kultivieren die lokale Gemüsevielfalt und thematisieren damit auch den Fleischverbrauch, sie schaffen offen zugängliche Orte, um das Recht auf Stadt für alle zu proklamieren. Viele Protagonisten der DIY-Bewegung sind davon überzeugt, dass nicht das Lamento oder die theoretische Analyse die Welt zum Guten verändert, sondern vor allem eine von vielen kollektiv getragene Praxis, die ein räumlich-materielles Experimentierfeld eröffnet, das nicht zuletzt auch durch die zahlreichen Anregungen der Vielen bzw. der Crowd nach und nach geformt wird.

Die Dinge in die Hand nehmen
Die DIY-Bewegung tritt bewusst als Hybrid auf die Bühne und mixt unbekümmert großstädtische mit handwerklichen und kleinbäuerlichen Ästhetiken und Handlungsrationalitäten, aus ganz pragmatischen Gründen: Das Selbermachen erlebt auch deshalb eine Renaissance, weil es den Beteiligten ermöglicht, die Dinge selber in die Hand zu nehmen. Ihr Ziel ist nicht, hohe Löhne zu erzielen, um sich Waren aus aller Welt kaufen zu können, sondern Wissen, handwerkliches Können und soziale Netzwerke zu teilen, um mit weniger materiellen Ressourcen, dafür aber nach eigenen Vorstellungen und in neuen sozialen Zusammenhängen, zumindest einige Güter und Dienstleistungen selber herstellen zu können und so ein Mehr an Lebensqualität zu erreichen. Die Motivlagen sind unterschiedlich: Einige Aktive versuchen sich in einer größeren Unabhängigkeit vom Marktgeschehen und verschaffen sich Zugang zu Gütern, die sie nicht bezahlen könnten (z.B. hochwertiges Bio-Gemüse), andere verstehen sich erst gar nicht als Konsumenten von Waren: Ihr Selbstverständnis ist eher das von Machern, Schöpfern, Mixern und Findern. In jedem Fall entstehen neue Kollektivgüter, die gemeinsam bewirtschaftet werden – als Basis für Begegnung in einer anonymen Großstadt.

Politik der Zeichen
Die für die Bewegung typische Aneignung und Signierung der Stadt vollzieht sich in Form von kurz- und langfristigen räumlichen Besetzungen (legal und illegal), von Umzügen und Paraden und extrem vielfältig als Street Art. Ihr politischer Impetus ist radikal demokratisch und ihr Verhältnis zu bestehenden Strukturen frisch und respektlos. Man hält sich nicht lange mit Kritik oder Diskursen des „Dagegen-Seins“ auf, sondern übt sich in Inklusivität. Die AktivistInnen gehen nicht in Opposition, sondern antworten experimentell, den Dingen zugewandt und konstruktiv. Sie steigen nicht „aus“, sondern präferieren den praktisch-konstruktiven DIY-Ansatz. Man könnte hier von einem „practical turn“ sprechen. Man versteht sich als PionierIn, auch wenn man dann das damit verbundene Prekäre zu ertragen hat. Das Subjekt der Industriemoderne - ein Arbeitssubjekt und ein Weltunterdrücker - wird entpflichtet. Einer neuen und alle Naturen einschließenden Ökologie und Ökonomie gelten die vielen vollzogenen Suchbewegungen.

Sowohl die urbanen Gärten wie die temporären Werke der Strickguerilla, bepflanzte Einkaufswagen an unwirtlichen Orten oder auch Knit Nites in Abrissimmobilien unterbrechen Sehgewohnheiten. Die geschickt gesetzten visuellen Zeichen und Bilder öffnen damit den Blick auf eine Stadt, in der mitgestaltet und mitbestimmt werden kann. Die urbanen Subsistenztechniken haben sichtbare Gemeingüter geschaffen, die vielerorts sogar zu Medienikonen wurden. Der Ort selbst wird zur Botschaft.

Bezüge herstellen
Man zeigt, dass man grüne, lebenswerte Orte gemeinsam mit anderen und mit den eigenen Händen und Köpfen schaffen kann. Damit ergeben sich Anschlüsse zu Stadtverwaltung und Stadtplanung, die ja ebenfalls im Dienste des Gemeinwohls steht: Wie kann sie in einen konstruktiven Dialog treten und die Interventionen als Anregungen für eine fluide Planung verstehen? Wie können die Flächen mittel- und langfristig abgesichert werden, die nicht nur mikroklimatisch hochwertige Effekte erzielen, sondern auch sozial-kulturelle Freiräume für die Begegnung von unterschiedlichen urbanen Milieus bieten?

In den Projekten steht die Interaktion mit anderen im Vordergrund und nicht der große (fertige) Plan. Es wird via digitaler Medien in die Runde gefragt. Die Einzelnen müssen nicht alles wissen, denn die anderen können immer um Rat gefragt oder um Unterstützung gebeten werden. Niemand ist alleine auf sich selbst angewiesen.

Die ProtagonistInnen haben außerdem ein unverkrampftes Verhältnis zu den bis vor kurzem noch als rückständig geltenden Subsistenzpraxen. Gärtnern, Einkochen, Stricken, Bauen und Imkern erfahren einen deutlichen Imagegewinn, plötzlich gilt es gerade auch unter Jüngeren als Kriterium für Lebensqualität, wenn man Dinge selber herzustellen bzw. anzubauen weiß.

Reparieren, Upcyclen, Hacken
In den neuen Werkstätten und Gärten entwickelt sich folgerichtig ein neues Verhältnis zu den Dingen. Sie werden nicht länger nur als eindeutig definierte Waren betrachtet, die genutzt, verbraucht und weggeworfen werden, sondern als offene und unbestimmte Artefakte. Folglich können sie ein zweites und ein drittes Leben bekommen bzw. nicht nur im vorgesehenen Sinne genutzt werden, sondern ganz anders und immer wieder neu. Milchtüten können zu Minibeeten, Europaletten zu Universalgebrauchsgütern, Senfeimer zu Lampen, Container zu Gartenbars, Krankenhausbetten zu Lastenrädern und ausrangierte Schilder zu Transportkisten werden.

DIY ist insofern eine Variante der Hackerbewegung. Die ProtagonistInnen kapern die vorgefertigten Lebens- und Dingwelten für die eigenen Zwecke. Auch die Vorliebe zur Reparatur ist augenfällig. Gebrauchsgegenstände, die kaputt gehen, werden aufgeschraubt, ihr Innenleben wird ergründet und ein Self-Repair Manifesto formuliert, das den Zugang zu den Schaltplänen reklamiert, um ein Gebrauchsgut wirklich in Besitz nehmen zu können: "If you can't fix it you don't own it. – Was du nicht öffnen kannst, das gehört dir auch nicht." (www.ifixit.com/Manifesto)

Die planmäßige Verhinderung von Reparaturen gilt den Tüftlern und Technikfreaks nicht nur als ökologisch grundfalsch, sondern auch als Verweigerung eines elementaren Zugangsrechts. Ex-und Hopp-Produkte werden übrigens von breiten Bevölkerungsteilen als Ärgernis empfunden, entsprechend sind die vielerorts entstehenden Repair-Cafés immer voll und von unterschiedlichsten Milieus bevölkert. Dass sich durch Reparatur auch der Geldbedarf reduziert, ist ein willkommener Nebeneffekt. Viele der DIY-Projekte haben den Ehrgeiz, möglichst wenig neu zu kaufen, sondern sich das Nötige irgendwie zu organisieren, und machen bei diesem Versuch die Erfahrung, dass sie sehr viel geschenkt bekommen.

Wohin solche Praxen auf die Dauer führen, bleibt abzuwarten. Klar ist: Wenn man ausgediente Sachen, Verpackungen, Wohlstandsmüll reparieren, upcyclen, umdeuten kann, hat das Auswirkungen auf das Lebensgefühl, dann sind die Dinge plötzlich nicht mehr knapp und die Welt voll von Dingen, die man (um)nutzen kann. Das ermöglicht einen entspannteren Umgang mit Besitz und Eigentum. Man nimmt, was man findet und versucht dabei, möglichst keinen Schaden anzurichten.

Zugang statt Besitz
Ebenso wie die Zeichen flottieren in den Projekten die Dinge. Man tauscht. Die exklusive Inbesitznahme und Zurschaustellung von Gütern ist nicht das Ziel dieses Lebensstils. Vielmehr geht es um die möglichst smarte kollektive Nutzung. Die Akteure gehen auf Abstand zu den herrschenden Besitz- und Eigentumsverhältnissen. Sie beginnen im Kleinen und sehr kreativ mit dem Teilen, und mit jedem Geben wächst die Wahrscheinlichkeit weiterer Anschlüsse. Nehmen ist selten anschlussfähig, Geben aber oft. Dabei legt man zwar eine gewisse Respektlosigkeit für festgeschriebene Eigentumstitel an den Tag, etwa indem man brachliegende Flächen und Häuser für sich beansprucht, jedoch bemühen sich die Akteure meist um Erlaubnis und Verträge. Man zerstört nichts, man baut vielmehr auf, man hegt und pflegt, man gleicht aus, man hilft.

Der neuen Leitvorstellung zufolge ist alles, was man braucht, schon vorhanden, man muss es (oder sich selbst) nur an die richtige Stelle bewegen! Dementsprechend ist die Logistik eine prominente Spielfläche der hier sich entfaltenden Kreativität und Experimentalität. Im Zentrum dieses Denkens steht nicht mehr der einzelne Protagonist oder das einzelne Ding, sondern die Bewegung im riesigen Bewegungsstrom. Auch die überkommenen, meist über Besitzverhältnisse realisierten Zuschreibungen von Individuum und Transportmittel (klassisch etwa dem Auto) werden methodisch aufgebrochen und der elegante und effiziente Fluss (flow), die möglichst reibungslose Bewegung ist das Ziel der Anstrengungen. In diesem Sinne passen die neuen Lastenfahrräder perfekt ins Bild. Oft werden sie aus alten Fahrradteilen zusammengebaut und bei Bedarf von vielen Akteuren genutzt. Das Aufgreifen und Adaptieren dieser in anderen Teilen der Welt schon lange vorhandenen Transportidee erweist sich als neues Erfahrungsfeld: im großen Bewegungsstrom der Stadt haben diese Vehikel Vorzüge. Sie transportieren Menschen und Dinge einfach eleganter. Autos sind oft überdimensioniert und gar nicht notwendig. Autos verstricken die Menschen in eine Technik-Ökologie von unzähligen Bordcomputern und lassen ihnen zunehmend weniger Gestaltungsmöglichkeiten.

Tun, aber nicht arbeiten
Veränderung betrifft auch das Verständnis von bzw. den Begriff der Arbeit. Diese ehemals (auch ethisch) so wichtige Schlüsselkategorie der abendländischen Moderne wird sukzessive ersetzt durch ein künstlerisch-schöpferisches Verständnis des In-der-Welt-Seins und Formens der Welt. Vor allem wird die protestantische Vorstellung auf den Kopf gestellt, dass der Einzelne der Welt mühsam und „im Schweiße seines Angesichts“ knappe Ressourcen abtrotzen muss, um (möglicherweise) Gottes Gnade zu erfahren. Statt zu „arbeiten“, wird heute in erster Linie „gefunden“, geerntet, kreiert, eingegriffen und frei genutzt. Das bedeutet jedoch nicht, dass in den Projekten nicht viel gearbeitet würde oder dass es keine Mühe machte, sie zu initiieren und am Laufen zu halten. Das Gegenteil ist der Fall. Die Projekte beschäftigen ihre GründerInnen oft rund um die Uhr, und gerade weil die neuen Kollektive die mit ihnen verbundene Komplexität nicht über die herkömmlichen Verfahren (Besitz, Autorität, Charisma) reduzieren können und wollen, ist mit ihrer Aufrechterhaltung ein riesiger Aufwand hinsichtlich Abstimmung und Partizipation verbunden.

Die Verabschiedung der industriellen Ratio, ihrer zeitlichen und praktischen Regime schafft Raum für neue Wahrheiten und Ethiken, die den Kanon der Moderne in Frage stellen: Das moderne Machtpositiv der Hegemonie des weißen männlichen Subjekts und die Exklusion und Unterscheidung der „Anderen“ (Unterscheidung der Geschlechter, Ethnien, Klassen, Spezies) verliert an Legitimität. An seine Stelle treten inkludierende, radikaldemokratische Diskurse, die im Alltag ihren Niederschlag finden: es entsteht ein Lebensstil, der ökologisch sensibilisiert und im umfassenden Sinne partizipativ orientiert ist. Die Arbeit an neuen universalistischen Normen ist in vollem Gange. Sie schließen Mensch, Tier, Pflanze und Dinge ein und bauen das traditionelle Verhältnis um: Aus Objekten werden Partner, Commoner, mit denen man innerhalb eines Netzwerks von Interdependenzen verbunden ist. Das Lebensgefühl wird bestimmt durch die Auffassung, dass man Teil (eines größeren Ganzen) ist und teilnimmt. Hierarchie wird durch Kooperation ersetzt. Freundlichkeit und Zugewandtheit sind wichtige Quellen einer Verbundenheit, die nicht nur die Mittel des Verstandes, sondern auch körperleibliche und emotionale Aspekte des (Lebendig)seins sowie ein hohes Maß an Empathie umfasst.

Diese neue und im umfassenden Sinne ökologische Orientierung ist Teil eines Lebensstils, den wir als „commonistisch“ bezeichnen.

Andrea Baier, Christa Müller und Karin Werner