Soziale Netzwerke

 

„Mit Facebook enden zwei Jahrhunderte der Flucht aus Gemeinschaften“ konstatiert der britische Ethnologe Daniel Miller in seiner Studie „Das wilde Netzwerk“ (Miller 2012, S. 161). Damit bezieht er Stellung in der Debatte darüber, ob sich Menschen durch die Nutzung von Computern in Cyborgs verwandeln, ob Konnektivität zur Sucht wird, ob die Simulationskultur der Social Media zu Entfremdung und einer abnehmenden Sozialität führt, oder ob einfach eine andere Form des Sozialen entsteht (Lovink 2012).

Unbestritten ist, dass es unterschiedliche Formen der Anwendung von Facebook gibt. Die DIY-Akteure erschließen sich die technischen Möglichkeiten als Werkzeug für Kommunikation, sie teilen Inhalte und Debattenbeiträge, laden zu Veranstaltungen ein und stimmen sich in themenspezifischen Gruppen ab. Facebook wird hier im Sinne von Saskia Sassen eher „minimalistisch“ (Sassen 2011, S. 249ff) genutzt.

Man tauscht sich auf den Projektseiten nicht über private Befindlichkeiten aus, sondern über > Saatgutfreiheit, die Qualität von CNC-Fräsen, Öffnungszeiten von Werkstätten, Korrekturen in der Liegenschaftspolitik von Städten oder Online-Votings zum Erhalt von Freiflächen. Facebook bildet den politischen Charakter des Netzwerks ab und ist ein Verweisungsmedium: Wenn der Algorithmus stimmt, wird kontinuierlich Content aus verwandten Projektzusammenhängen geliefert, ohne dass man sich die Mühe der gezielten Recherche machen müsste. Zugleich erzeugen die eigenen Inhalte Resonanz, und da bei Facebook jeder Nutzer ein potenzieller Multiplikator ist, haben die Postings gute Chancen auf Verbreitung. Sehen und gesehen werden: Wer mehrere Tausend Freunde und Likes hat, erlangt Reputation.

Gezahlt wird in harter Währung: Facebook-Nutzer wissen, dass sie sich der informatisch-kommerziellen Überwachung durch den börsennotierten Konzern unterwerfen, der die Infrastruktur zur Verfügung stellt, um damit im digitalen Kapitalismus Profit zu erzielen (Andrejevic 2011, S. 35). Diese in ihren Konsequenzen tatsächlich schwer zu durchdringende Asymmetrie zwischen Usern und der digitalen Macht der Konzerne beantworten sie allerdings nicht mit Abstinenz, sondern mit Nutzung. Die Parasitierung der von ihnen in die Welt gesetzten Daten nehmen sie in Kauf.

Andrejevic, Mark (2011): Facebook als neue Produktionsweise. In: Leistert, Oliver/ Röhle, Theo (Hg.): a.a.O., S. 31-50.
Leistert, Oliver/ Röhle, Theo (Hg.) (2011): Generation Facebook. Über das Leben im Social Net. Bielefeld: transcript.
Lovink, Geert (2012): Das halbwegs Soziale. Eine Kritik der Vernetzungskultur. Bielefeld: transcript.
Miller, Daniel (2012): Das wilde Netzwerk. Ein ethnologischer Blick auf Facebook. Berlin: Suhrkamp.
Sassen, Saskia (2011): Das minimalistische Facebook. Netzwerkfähigkeit in größeren Ökologien. In: Leistert, Oliver/ Röhle, Theo: a.a.O., S. 249-252.

 

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