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Die Initiative Incredible Edible krempelt seit 2007 auf sympathisch anarchistische Weise das Städtchen Todmorden um. Pam Warhurst und Mary Clear gründeten die Aktion um globale Herausforderungen wie den Klimawandel lokal anzugehen. Ihre Sprache ist die Ernährung. Ihr Ansatz ist konsequent Bottom up. Die beiden Frauen wollen ihre Kommune in Richtung Umweltschutz und Nachhaltigkeit entwickeln, die regionale Wirtschaft beleben. Ihr erster Schritt in diese Richtung war: Auf öffentlichem Grund legten sie ohne Erlaubnis Gärten und Beeten an. Dieses sogenannte Propaganda-Gardening hatte Erfolg und machte auf Incredible Edible Aufmerksam. Später entstanden dann Schulgärten, Programme zur Förderung der lokalen Landwirtschaft, eine Lehrgärtnerei und vieles mehr.

Essbares Todmorden
Essbares Todmorden

Ein Wissenschaftler-Team der Universitäten von Manchester und Lancashire veröffentlichte jetzt einen Evaluationsbericht in dem die Auswirkungen von 10 Jahren essbares Todmorden untersucht werden. Incredible Edible Todmorden (IET) kennt demnach fast jeder: Knapp 100% der Bewohner kennen die Aktion und knapp die Hälfte von ihnen (44%) bedient sich gelegentlich aus den Beeten. Doch wie hat die Organisation, die Stadt verändert?

Neue Wahrnehmung des öffentlichen Raums

Nicht nur den Wissenschaftler fällt in Todmorden die veränderte Nutzung des öffentlichen Raums auf. Dort gibt es Gärten beispielsweise vor dem Bahnhof und der Polizeistation, an Schulen und vor Pflegeheimen. Die Wissenschaftler stellen fest, dass dies die Wahrnehmung des Ortes und die Beziehung der Bewohner zu Umwelt und öffentlichem Raum positiv verändert hat. Neben einer großen Unterstützung für diese Nutzung des öffentlichen Raums, gibt es aber auch vereinzelt Sorge, dass die Gärten einen negativen Einfluss auf das Erscheinungsbild des Ortes hätten.

Insgesamt hat IET zu einem größeren Zusammengehörigkeitsgefühl geführt. Die Bewohner sind stolz auf ihre Stadt. Landwirtschaft und Ernährung hat die Menschen zusammengebracht: Lebensmittel dienen als Instrument um ein gemeinsames Bild von der Zukunft Todmordens zu entwickeln und über globale Probleme zu diskutieren.

Gemüse-Tourismus als Wirtschaftsfaktor

Doch die essbare Stadt Todmorden hatte offensichtlich auch ökonomische Auswirkungen. So entwickelte sich Incredible Edible zur Marke für Wirtschaft und Tourismus. Durch viele Vorträge und durch die Berichterstattung in den Medien wurde Todmorden internationalebekannt. Das hat nicht nur zu mehr Besuchern geführt (den sogenannten Vegetable Tourism) sondern auch allgemein die Wirtschaft belebt. IET hat das Bewusstsein für die Vorteile regionaler Lebensmittel gestärkt, damit ist deren Absatz gestiegen. Lokale Erzeuger nutzen das Todmorden-Logo gerne und bringen damit Umsatzsteigerungen in Verbindung. Direkt aus IET wurden zwei gemeinnützige Unternehmen ausgegründet: der Incredible Aquagarden und die Inredible Farm. Bedenken gab es in den Umfragen bezüglich Verfügbarkeit und Kosten regionaler Lebensmittel. Darüberhinaus wurde angemerkt, dass der Aufruf „Kaufe Regional“ der Komplexität von Nachhaltigkeit und Treibhaus-Bilanzen nicht gerecht würde.

Essbare Städte sind Bildungsorte – so auch in Todmorden. Einer der wichtigsten Lernerfolge ist, die Erkenntnis, dass frische Lebensmittel gesund sind und nicht teuer sein müssen. Der Schwerpunkt der Aktivitäten von IET liegt im lokalen, doch auch globale Themen werden angesprochen. Die Befragten finden diese Verknüpfung von Lokalen und Globalem sehr gut – wenn auch das Ziel einer Autarkie von Todmorden auf Skepsis stößt.

Knapp 900.000 Pfund sozialer Gewinn in 2016

Die Wissenschaftler haben in ihrem Bericht den gesellschaftlichen Mehrwert über den Ansatz der Sozialrendite in britischen Pfund dargestellt. Sie kommen für 2016 auf eine Investition von 159.000 Pfund, überwiegend durch ehrenamtliche Arbeit. Der „Return on Investment“ liegt bei 878.609 Pfund. Für jedes investierte Pfund gab es also 5,51 Pfund für Todmorden zurück. Dreiviertel dieses Gewinns entstand durch die höhere Nachfrage nach regionalen Lebensmitteln, knapp 10% durch die höheren Besuchszahlen.

10 Jahre Incredible Edible Todmorden haben die Stadt verändert. Die positiven, anpackenden Aktionen konnten Barrieren überwinden, haben die Bevölkerung optimistischer gemacht und die Gemeinschaft gestärkt. Die Einzigartigkeit und die Attraktivität Todmorden konnte weiter gesteigert werden. Die urbane Landwirtschaft hat nicht nur das Aussehen der Stadt verändert, sondern den Menschen es auch ermöglicht, sich auf neue Weise mit ihrer Umwelt auseinanderzusetzen. Der politische Diskurs in Todmorden wurde verändert. Die Evaluation liefert viele gute Gründe, Städte und Stadtentwicklung essbar zu machen.

Quelle: Morley, Adrian; Farrier, Alan; Dooris, Mark (2007): Propagating Success? The Incredible Edible Model. Final Report.

PHOTOCREDIT: Daniel Aruz | CC BY-SA 2.0Sludge G | CC BY-SA 2.0

Das Land Berlin möchte sich eine Ernährungsstrategie erarbeiten und lädt für Freitag, den 20. Oktober zum (kurzfristigen) Kick-Off in die Neue Mälzerei.

„Impulsvorträge, Diskussionsrunden und Workshops sorgen dafür, ein gemeinsames Verständnis für eine Ernährungsstrategie zu finden, von der alle Beteiligten und das Land Berlin profitieren. Zu diesem Anlass konnte Herr Kenneth Højgaard von der „Copenhagen House of Food“ Foundation als Keynote Speaker gewonnen werden. Das „Copenhagen House of Food“ war maßgeblich an der Entwicklung der fortschrittlichen Ernährungsstrategie der Stadt Kopenhagen beteiligt. Diese Erfahrungen werden wichtige Akzente für die Veranstaltung setzen.“

Freitag, den 20.10.2017, 10:00 bis 17:00 Uhr, in der Neuen Mälzerei, Friedenstraße 91 in 12249 Berlin. Veranstaltung auf Facebook: http://bit.ly/2yo86Jv

Aquaponik verbindet die Fischzucht mit der Kultivierung von Gemüse. Die Fische dienen als Quelle für Nährstoffe, die Pflanzen reinigen wiederum das Wasser der Aquakultur. Als Mittler zwischen Pflanzen und Fischen dienen Bakterien, die das Amoniak aus den Fischausscheidungen erst in Nitrit und dann in für die Pflanzen verwertbares Nitrat umwandeln.

2014 haben die Speiseräume über das Gewächshaus der Dortmunder Urbanisten berichtet: eine funktionierende Aquaponik-Anlage, die als Eigenbau-Projekt entstanden war. Dieses Gewächshaus hat seitdem nicht nur einige Ernten eingefahren, sondern ist vergrößert worden und hat einige Ableger bekommen. Während der EmscherKunst 2016 stand beispielsweise ein solches Aquaponik-System am Dortmunder Phönix See.

Professionelles Spin-Off: Schlüsselfertige Aquaponik-Systeme für Garten und Gastronomie

Als ein professionelles Spin-Off bietet die Hei-Tro GmbH in Dortmund mittlerweile  „Aquaponik-für zuhause“ an: Ein System, das schlüsselfertig in heimische Gärten geliefert werden kann. Oder auch auf Supermarktdächer installiert werden könnte: „Das ist meine absolute Lieblingsvision bei dem Thema“, sagte Axel Störzner von Hei-Tro gegenüber einem Journalisten. „Wir haben die Möglichkeit, ganz nah am Verbraucher zu produzieren. Die Paprika kommt nicht aus Almeria, sondern erntefrisch vom Flachdach.“

Die Speiseräume haben sich einen Prototypen dieser Dortmunder Aquaponik-Anlage im Stadtteil Dorstfeld einmal genauer angeguckt: fotografische Impressionen hier.

Aquaponik in DortmundDortmunder Aquaponik

Aquaponik in Dortmund
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Aquaponik-System der Hei-Tro GmbH
Aquaponik in Dortmund
Aquaponik-System der Hei-Tro GmbH
Aquaponik in Dortmund
Aquaponik in Dortmund
Dortmunder Aquaponik
Dortmunder Aquaponik
Dortmunder Aquaponik
Dortmunder Aquaponik

Photocredit: (c) by Philipp Stierand

„Wir wünschen uns eine aufgeschlossene, selbständige Person, die im Idealfall bereits in der Oldenburger (Land-)Wirtschafts- oder Initiativenlandschaft rund um das Thema Ernährung aktiv ist oder war und Erfahrung in der Arbeit ehrenamtlicher Gruppen mitbringt. Sie erwartet viel Freiraum und Eigenverantwortung, ein diverses Team von ehrenamtlichen Mitgliedern zu begleiten und zu koordinieren. Die Mitglieder des bisherigen Koordinationsteams unterstützen sie gerne rat- und tatkräftig bei Ihrer Aufgabe.“

Das Saarland ist einer der Regionen in Deutschland in denen die Gründung eines Ernährungsrates vorbereitet wird. Die aktuelle Ausgabe des Umweltmagazin Saar widmet sich in einem Schwerpunkt dem Thema Ernährung. Ausführlich wird über Ernährungsräte berichtet und die beiden Gründer der Aktion im Saarland interviewt.

„Wir setzen uns für mehr Ernährungsdemokratie ein. Es geht schließlich um unser Essen. Wir möchten unser Ernährungssystem in die eigenen Hände nehmen und nach unseren Bedürfnissen gestalten. Wer sich aktiv daran beteiligen möchte, ist herzlich einladen, sich mit uns in Verbindung zu setzen und sich zu engagieren.“

Informationen zum Ernährungsrat Saarland finden sich auf facebook.

Quelle:Umweltmagazin Saar 3/2017

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