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Von Dingbibliotheken und Leihläden

Zu Urbanen Gärten, Offenen Werkstätten und Reparatur-Initiativen gesellen sich in den letzten Jahren weitere Orte alternativer, nicht-kommerzieller Kultur des Teilens: die Leihläden. Anlässlich der Global Sharing Week werden diese von der Verfasserin näher vorgestellt.

Knjiznica Reci Ljubljana leihladen bochum

Foto: Autorin (links:KnjiznicaReci,Ljubljana rechts:Leihladen,Bochum)

Auf die beiden Pioniere Leila Berlin und The Sharing Depot in Toronto (beide *2012) gehen zahlreiche Ableger in inzwischen mindestens 14 europäischen Ländern und Israel zurück. Während der Berliner Laden aus einem Umsonstladen hervorging, orientiert sich das kanadische Modell an den bis dahin im US-amerikanischen Raum vereinzelt verbreiteten Tool Libraries. In ca. 170 Städten, davon ein Dutzend in Deutschland, können Menschen wie bislang in Bibliotheken oder beim Carsharing kollaborativ nutzen. Bereitgestellt wird dieses Angebot dabei meist unkommerziell von ehrenamtlich Tätigen, die überwiegend den Verein als Rechtsform für sich gewählt haben; genutzt von je bis zu 700 Mitgliedern. Wer nicht ständig eine Bohrmaschine braucht, kann diese so - außer im Bekanntenkreis - kostengünstig ausleihen, da das Sortiment der Dingbibliotheken, wie Leihläden (auf der Karte blau gekennzeichnet) auch genannt werden, einen umfangreichen Fundus vergleichsweise selten benutzter Alltagsgegenstände umfasst: Von Küchengeräten wie dem Waffeleisen über Zelt und Isomatte bis hin zum Werkzeug stellen sie oft mehrere hundert Dinge häufig aus zweiter Hand ihren NutzerInnen zum Verleih zur Verfügung. Weit verbreitet ist auch die Spezialisierung auf Werkzeug (gelb) oder Sportartikel in Form der schwedischen „Fritidsbanken“ (grün).

2019 05 Leihläden und Co ohne Stadtbibliotheken in Europa Jaik klein

Karte mit freundlicher Unterstützung von stepmap

Neben skandinavischen öffentlichen Bibliotheken, in denen der Werkzeugverleih nichts Ungewöhnliches mehr ist, öffnen sich auch immer mehr deutsche Stadtbüchereien für das Angebot solcher „Güter“.[1] Außer Berlin und Hamburg warten v.a. kleinere Städte damit auf. Wie in herkömmlichen Bibliotheken wird durch die Anerkennung der Nutzungsbedingungen und gegen Spende in selbstgewählter oder vorgegebener Höhe von ca. 1-5 Euro/Pfund pro Ding oder eine gestaffelte Jahresmitgliedschaft zwischen durchschnittlich 20 und 40 Euro die Ausleihe möglich.

Sie bringt für die Nutzenden, die sich den Kauf oder eine Anmietung im Baumarkt evtl. nicht leisten können, mehr als nur finanzielle Vorteile. Weiterhin werden durch die Nutzungsdauerverlängerung der Gegenstände Umwelt, Ressourcen und damit letztlich das Klima geschont, weil Neuproduktionen und damit Abfallberge reduziert werden können, wenngleich ein Restrisiko für Reboundeffekte bestehen bleibt. Zu Hause wird weniger Stauraum benötigt und die Wartungsverantwortung für solche Staubfänger entfällt. Einige Leihläden entwickelten sich zudem auch zu sozialen Treffpunkten ohne Konsumzwang und fördern so nachbarschaftliche Begegnungen, wenn nicht, wie im Falle Bolognas, zwei Leila-„Filialen“ bereits in Bars integriert sind. Außer dieser gastronomischen Anbindung finden sich zahlreiche weitere räumliche Kooperationen mit Nachbarschafts- und Mehrgenerationenhäusern, Co-Working-Spaces und Stadtteilzentren, Werkstätten, Radverleihstationen, herkömmlichen Bibliotheken usw. Das Leihladenangebot reicht mit Umsonstbereichen, Ausstellungen, Vorträgen, Filmvorführungen, Upcyclingworkshops, Lebensmittelfairteilern und Tauschbörsen über den reinen Leihvorgang hinaus. Letztendlich fallen ihre Ausgestaltungen so vielfältig aus, wie es die Vorstellungen der Betreibenden und die jeweiligen Bedingungen vor Ort ermöglichen; dabei sind noch nicht alle Möglichkeiten erschöpft.

Spullenier Utrecht leila leipzig

Foto: Autorin (links:Spullenier,Utrechtrechts:Leila,Leipzig)

Leihläden stiften auch zum Selbermachen an - nicht nur materiell, sondern auch auf der sozialen Ebene. Redistribuieren, Reparieren und Konstruieren statt Konsumieren lauten die Losungen. Ein Gemeinschaftsgarten, der bereits in Ansätzen als Leihladen fungiert, ist die Gartenwerkstadt Ehrenfeld in Köln. Wenige der Dingbibliotheken haben wiederum angrenzende Werkstätten, in denen die Maschinen benutzt werden können und Wissen geteilt wird: Zukunftsweisende Zusammenschlüsse, von denen es ruhig mehr geben dürfte. Warum nicht auch in deinem Viertel?

Weiterführende Links


Selbermachen?!


Links zu englischsprachigen Leitfäden

https://www.leila.wien/wp-content/uploads/2019/02/LoT-Starter-Kit.pdf

https://sharestarter.org/tools/

Link zu Open-Source-Software:

https://github.com/achimbo/leila

https://cosum.de/ (in Erprobung)

Weiterlesen:

· Jaik, A. (2018): Nutzen statt Besitzen lokal gestalten, in: Franz, H.-W./Kaletka, C. (Hg). Soziale Innovationen lokal gestalten. Band 1 der Reihe Sozialwissenschaften und Berufspraxis, hrsg. vom BDS; Wiesbaden: Springer VS, S. 119-134.

· Jaik, A. (2018): Teile(n) in Leihläden. Eine kleine Genealogie der Bibliothek der Dinge, in: soziologie heute (58), S. 31-34.


Über die Autorin:

Foto Jaik klein
Studium der Europa-, Migrations- und Soziokulturellen Studien in Eichstätt, Malmö und Frankfurt (Oder). Erforscht seit 2013 Leihläden in Europa im Kontext von Nachhaltigkeit und sozialen Innovationen, schrieb ihre Ergebnisse in zwei Abschlussarbeiten (Masterarbeit und Dissertation) sowie Artikeln nieder. Ein deutschsprachiger Leitfaden ist geplant.


2018 hat Alexandra Jaik einen Leihladen in Bochum eröffnet und dazu den Botopia e.V. als Vorstand gegründet (www.leihladen-bochum.de und www.botopia.org), aus dem u.a. ein Nähcafé, die Radwerkstatt velotopia hervorgegangen sind und wo inzwischen auch 3D gedruckt werden kann. Ihr Wissen teilt sie in Vorträgen, Workshops und Beratungen.

Kontakt: alexandra.jaik@tu-dortmund.de

[1] Für weitere Länder wurde dies nicht betrachtet.

 

 

 

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