Studium der Entwicklungssoziologie an der Universität Bielefeld; mehrere Jahre in Forschung und Lehre am Oberstufenkolleg der Universität Bielefeld tätig und Mitbegründerin des Instituts für Theorie und Praxis der Subsistenz.  Von 2004-2006 Mitarbeiterin im anstiftungs-Forschungsprojekt "Nachhaltige Lebensstile und Alltag", davor im BMBF-Forsc...hungsprojekt "Ansätze nachhaltigen Wirtschaftens in der ländlichen Gesellschaft". Seit 2007 wiss. Mitarbeiterin der Stiftungsgemeinschaft im Bereich Forschung und Evaluation. Schwerpunkte: Subsistenz, Regionalisierung, nachhaltige Lebensstile. > Veröffentlichungen Mehr

Umkämpftes Grün. Eine Buchbesprechung

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Ein spannendes Buch, das die Finger in manche Wunde legt. Andrea Baier bespricht "Umkämpftes Grün. Zwischen neoliberaler Stadtentwicklung und Stadtgestaltung von unten".

Es sei ein schmaler Grat zwischen gesellschaftlicher Veränderung und Vereinnahmung für das System, urteilt Mitherausgeberin Marit Rosol in ihrem einleitenden Beitrag "Gemeinschaftlich gärtnern in der neoliberalen Stadt?" Urbane Gemeinschaftsgärten könnten auch als Teil einer neuen urbanen Governance fungieren, sie seien nicht eindeutig entweder neoliberaler oder progressiver Stadtpolitik zuzuordnen. Zwar gehe es den einzelnen Projekten durchaus um die Dekommodifizierung öffentlichen Raums, dabei spielten sie aber nicht selten unwillentlich über kommunal angetriebene Gentrifizierung und Imagepolitiken neoliberaler Stadtentwicklung in die Hände (15).
Der jüngst im transcript Verlag erschienene Sammelband "Umkämpftes Grün" geht auf ein Forschungsprojekt am Institut für Politikwissenschaft an der Universität Wien und eine Konferenz im Oktober 2015 unter dem Titel "Grüne städtische Gemeingüter? Grüne urbane Aktivitäten im öffentlichen Raum – zwischen Aufwertung, Privatisierung, sozialökologischer Transformation und Recht auf Stadt" (ebenfalls in Wien) zurück. Die Perspektive richtet sich entsprechend schwerpunktmäßig, aber nicht ausschließlich, auf Gartenprojekte im deutschsprachigen Raum.
In ihrem kurzen Vorwort umreißen die Herausgeberinnen Sarah Kumnig, Marit Rosol und Andrea*s Exner ihr Anliegen, mit dem Buch zu einer Auseinandersetzung um die widersprüchliche Rolle urbaner Gemeinschaftsgärten in der Neoliberalisierung des Städtischen beitragen zu wollen. Die Beiträge diskutieren "urbanes Gärtnern im Kontext von Kommodifizierung, Aufwertung und Privatisierung städtischer Räume" ebenso "wie im Zusammenhang von Befriedung und Kanalisation politischer Unzufriedenheit, der Aktivierung unbezahlter ehrenamtlicher Arbeit sowie in Bezug auf Ausschlüsse und Exklusivität innerhalb der Gartenprojekte selbst." (8)
Auch die Vereinnahmung ehrenamtlicher Arbeit und die Auslagerung traditionell staatlicher Verantwortungsbereiche auf zivilgesellschaftliche Organisationen gehört zum Werkzeugkasten neoliberaler Strategie (17). Gemeinschaftsgärten können defizitäre Sozialleistungen auffangen und zu Befriedung wie Einbindung des Dritten Sektors beitragen (18), auch wenn dies im nordamerikanischen Raum sehr viel stärker der Fall ist. Zudem sei zivilgesellschaftliches Engagement mit bestimmten gesellschaftlichen Gruppen und Werten verbunden. In Partizipationsprozessen gewinne eher die Mittelschicht, während die Unterschicht verliere. Die Unterfinanzierung von Gebieten, wo das Engagement fehlt, nimmt womöglich noch zu.
Zur neoliberalen Stadt gehört zudem das Regieren über Gemeinschaft und Technologien des Selbst (19): Gemeinschaft kompensiere dabei nicht (nur) neoliberales Versagen, sondern sei sogar die notwendige Verbindung von einer Regierung des Selbst mit einer Regierung der Bevölkerung (20).

Deutlich optimistischer schätzt Efrat Eizenberg in ihrem Aufsatz "Real existierende Commons: Drei Momente von Raum in Gemeinschaftsgärten in New York City" die Rolle urbaner Landwirtschaft ein. Bezugnehmend auf Henri Lefebvre betont sie, dass jede Transformation des vorherrschenden sozialen Systems mit dem Abbau der Entfremdung des Alltagslebens beginnen muss bzw. mit der Konstituierung einer alternativen gelebten Erfahrung, die vom Gebrauchswert (mehr als vom Tauschwert) bestimmt wird (47).
Und Gemeinschaftsgärten, so ihre Überzeugung, gewähren eine alternative gelebte Erfahrung innerhalb einer modernen urbanen Umwelt: Schon die bloße Idee einer gemeinschaftlichen Hoheit über Raum fordere den gegenwärtigen Alltagsverstand heraus (39). Praktische und diskursive Wissensbestände werden dabei zu kollektiven Ressourcen.
Eizenberg versteht Gemeinschaftsgärten als gegen-hegemoniale Räume, in denen bestehende staatliche und kapitalistische Normen in Frage gestellt und mögliche Gesellschaftskonstellationen erprobt werden.
In Bezug auf die von spanischsprechenden Einwanderinnen geprägten Community Gardens in der South Bronx schildert sie, dass die Reintegration sozio-kultureller Veranstaltungen in das Alltagsleben eine Dekolonisierung und einen Abbau der Entfremdung des Alltagslebens mit sich bringt.
Sie zeigt sich überzeugt, dass die Repräsentationen der Gärten eben keiner neoliberalen Rationalität folgen. Vielmehr entstehe in Gemeinschaftsgärten "kritisches Wissen, … das sich weigert, die Macht anzuerkennen" (48).

Margaret Haderer wiederum fragt in ihrem Beitrag "Recht auf Stadt! Lefebvre, urbaner Aktivismus und kritische Stadtforschung. Eine Rekonstruktion, Interpretation und Kritik" skeptisch nach, ob "Selbstbestimmung" angesichts spätmoderner Subjektivität immer noch als politische Triebkraft (zur politischen Transformation) gelten könne.
Vor dem Hintergrund gegenwärtiger Subjekttheorien meint sie, sei Eizenbergs bzw. Lefebvres implizite Grundannahme, dass sich Subjekte über Partizipation, Selbstverwaltung und räumliche Aneignung ihrer jeweiligen Entfremdungen durch institutionalisierte Stadtpolitik und neoliberale Logiken zumindest teilweise entledigen, kritisch zu hinterfragen.
Statt "alternative urbane Erfahrung" zu ermöglichen und Ausgangspunkt zu sein von im Kollektiv verankerten gesellschaftlichen Gegenentwürfen, könnten urbane Gärten genauso gut als lose verbundene Archipele der Selbstversorgung und der Selbsterfahrung betrachtet werden, die den real existierenden Neoliberalismus nicht herausfordern, sondern dessen integraler Bestandteil sind. Angesichts "flüssiger" (Baumann) oder sich von ihrer Mündigkeit befreienden Subjektivitäten (Blühdorn) gerate "Selbstbestimmung" allzu leicht zu Fremdbestimmung.
Gerade wenn das politisch Mögliche im Sichtfeld bleiben soll, betont Haderer, bedarf es "messerscharfer Analysen" heutiger Bedingungen von gesellschaftlicher Transformation, die insbesondere die Barrieren in den Blick nimmt (74).

Barbara van Dyck, Chiara Tornaghi, Severin Halder, Ella von der Haide und Emma Saunders beobachten in ihrem Aufsatz "Der Aufbau einer Strategieplattform: vom Politisieren urbaner Ernährungsbewegungen zu urbaner politischer Agrarökologie", dass die Gärten zunehmend Teil des herrschenden Umweltdiskurses der Nachhaltigkeit werden. Sie problematisieren, dass eine gemeinsame Diskussion über Kämpfe urbaner Landwirtschaft, die historisch im »environmentalism of the poor« verankert sind, und ihre Verknüpfung mit politischen Kämpfen wie Recht auf Stadt oder Degrowth in manchen Gärten gerade erst beginnt und vermuten, dass urbane Gärten deshalb leicht "von Mainstream-Diskussionen vereinnahmt und in einen Bestandteil der aufkommenden, herrschenden urbanen ‘grünen‘ kapitalistischen Entwicklung verwandelt" werden können. (89). Den Gärten fehle es an einer kollektiven Identität bzw. an einem gemeinsamen Ziel, sie funktionierten vielmehr oft als Plattform für verschiedene Themen, wie etwa öffentlicher Raum, Migration, Commons, Gemeinschaftsbildung, Therapie und Bildung. Ernährung und Landwirtschaft seien in vielen Fällen nur ein Aspekt in einer Reihe von Themen und es mangele an gemeinsamen Ideen für städtische Veränderung.
Aber lassen sich nicht Vieldeutigkeit und Vielstimmigkeit auch als eine Stärke der Gärten verstehen, die eben nicht auf ein Thema stillzustellen sind? Über die pauschalisierende Einschätzung, dass sich zwischen älteren Interkulturellen und den neuen "stylischen" Gemeinschaftsgärten eine wachsende Spaltung auftut, mag man sich wundern. Empirisch ist nämlich auch das genaue Gegenteil zu beobachten: Urbane Gemeinschaftsgärten werden immer interkultureller bzw. öffnen sich für Menschen im Kontext von Flucht und Migration.
Summa summarum sorgen sich die Autor_innen, die Gärten könnten Opfer ihres eigenen Ruhms werden. Denn das große mediale und wissenschaftliche Interesse, das die Gärten erregen, führte auch dazu, dass sich auch Auto-, Zigaretten- oder Möbelwerbung etc. für sie interessieren. Die Gefahr der Vereinnahmung der Garteninitiativen für Greenwashing-Kampagnen ist allenthalben spürbar. Die Autor_innen meinen, dass der Aufbau einer "wirklichen" organisatorischen Struktur oder kollektiven Identität hier Abhilfe schaffen könnte (92).

Sarah Kumnig befasst sich in ihrem Aufsatz "Zwischen grüner Imageproduktion, partizipativer Politik und Wachstumszwang: urbane Landwirtschaft und Gärten im Kontext neoliberaler Stadtentwicklung in Wien" mit den Auseinandersetzungen um das Donaufeld, einem traditionellen Ort städtischer Gemüseproduktion, der nach dem Willen der politischen Entscheidungsträger einem Wohnprojekt weichen soll. Dabei werden Gemeinschaftsgärten gegen landwirtschaftliche Produktion in Stellung gebracht. Kumnig zeichnet detailliert nach, wie die Einbindung nicht-staatlicher Akteur_innen in (lokal)staatliche Entscheidungsprozesse und Verantwortungsbereiche vor dem Hintergrund der Neoliberalisierung des Städtischen, d.h. einer zunehmend unternehmerischen Stadtpolitik, weniger auf die Stärkung partizipativer Rechte der Bevölkerung hinausläuft als vielmehr auf die Auslagerung staatlicher Verantwortungsbereiche an zivilgesellschaftliche Organisationen. Im konkreten Fall gab es Mitspracherechte, aber keine Entscheidungsbefugnisse. Mitspracherechte ohne Entscheidungsbefugnisse sind letztlich schlechter als keine Mitspracherechte, weil die scheinbare Partizipation fragwürdige politische Entscheidungen legitimiert.

Andrea*s Exner und Isabelle Schützenberger legen in ihrem Beitrag "Der Geschmack am Gärtnern. Gemeinschaftsgärten und soziale Diversität in Wien" den Finger auf einen kritischen Punkt innerhalb der Gärten selbst. Diskurs und Praxis des Gemeinschaftsgartens sind klassenspezifisch. Urbane Gärten, so die Autorinnen, erweisen sich bei näherem Hinsehen als Mittel der Distinktion für Mittelklassen und Gemeinschaftsgärtnern als Ausdruck von (Klassen-)Habitus: Die Identifikation des politisch Richtigen mit dem eigenen Lebensstil bestärke das Gefühl kultureller Überlegenheit derer, die ohnehin schon privilegiert seien (180).
Entsprechend kritisieren sie Urban Gardening als "Politik der Lebensstile", die eben nicht auf gesellschaftliche Veränderungen in Richtung eines Abbaus sozialer Ungleichheit ziele. Anhand der Untersuchung von sechs Gemeinschaftsgärten in Wien kommen sie zu der Einschätzung: Gartenprojekte sind wenig(er) divers als gedacht (161). Sie neigen zu sozialer Schließung. Sie diskursiv herzustellen, sei "die Angelegenheit von Intellektuellen" oder jedenfalls von Personen mit dem entsprechenden kulturellen Kapital. Gemeinschaftsgärten, so der Befund der Untersuchung, werden von Angehörigen der Mittelschicht dominiert. Das sei nicht das Ergebnis formeller oder sichtbarer Ausschlussmechanismen. Vielmehr funktioniere die Politik der Lebensstile bzw. die klassenspezifische Aneignung von öffentlichem Raum über den Aufbau symbolischer Schwellen.
Dass gemeinhin mit niedrigem Status assoziierte Subsistenzpraktiken in Gemeinschaftsgärten zu neuen Ehren kommen, deuten die Autor_innen als weiteren Beweis für ihre These, dass in den Gärten diejenigen über die Diskursmacht verfügen, die sie in der Gesellschaft auch ansonsten innehaben, denn: Die hohe Statusposition erweise sich gerade in der Macht zu definieren, was zu einem gegebenen Zeitpunkt als richtig oder falsch bzw. als guter Geschmack gelte (178).
Exner/Schützenberger lassen letztlich offen, ob man es bei den Gemeinschaftsgärten mit politischen Rationalitäten in Hinblick auf gesamtgesellschaftliche Verbesserungen zu tun hat oder mit einer Politik des Lebensstils (in Hinblick auf Distinktionsgewinne beispielsweise durch Aneignung von öffentlichem Raum).
Auch wenn man sich ein genaueres Hinsehen auf die inklusiv wirkende Subsistenzpraxis in den Gärten durch den Austausch von Fähigkeiten, Produkten und Kenntnissen gewünscht hätte: Der Befund ist unbedingt ernst zu nehmen und im Übrigen nicht zu bezweifeln. Was sie bemängeln, betrifft dabei allerdings nicht die Politik der urbanen Gärten allein. Vielmehr weisen Sozialwissenschaftler_innen seit geraumer Zeit darauf hin, dass sich durch die Ausbreitung von Partizipation (zumal als Governance-Strategie) eine deutliche Verschiebung zugunsten der politischen Einflussnahme bürgerlicher Schichten ergeben hat. Dass sich in den Gemeinschaftsgärten die gesellschaftlichen Machtverhältnisse spiegeln, ist insofern kaum erstaunlich. Erstaunlicher ist, dass sie hier auch oft unterlaufen werden, auch dafür lassen sich vielfältig Beispiele anführen. Letztlich sind die Hemmschwellen, an einem urbanen Garten zu partizipieren, eben doch geringer, als sich z.B. an der Planung eines Stadtquartiers zu beteiligen. Im Berliner Allmende-Kontor sind jedenfalls auch nicht-deutschstämmige Anwohner_innen des Tempelhofer Felds mit von der Partie.

Eine weitere bedenkliche Entwicklung beschreibt Marion Ernwein in ihrem Aufsatz "Gemeinschaftsgärten und freiwillige Umweltarbeit – Die Aushandlung von Stellenwert und Bedeutung der Bürger_innenbeteiligung in der Herstellung von Grünraum". Sie stellt dar, wie die Aufnahme von urbanem Gärtnern in kommunale Programme in Genf erstens zu Verdrängung von sogenannten Familiengärten (vergleichbar mit deutschen Schrebergärten) sowie zweitens zur Ausdünnung staatlicher Verantwortung und Aktivierung von "Freiwilligenarbeit" führt. Gemeinschaftsgärten werden inzwischen bevorzugt gefördert, weil sie platzsparender sind. Dabei werden verschiedene, gerne auch ökologische, Kritiken an den Familiengärten mobilisiert, um den politischen Schwenk zu legitimieren. Dass auch bei dieser Politik die Mittelklasse gegenüber der Arbeiterklasse gewinnt, liegt auf der Hand. Während die Sozialabteilung zunehmend also Gemeinschaftsgärten favorisiert, hat die Grünraumabteilung weiter Vorbehalte und sinnt auf andere Formen der Bürger_innenbeteiligung. Das Engagement im Gemeinschaftsgarten könne nicht als Freiwilligenarbeit gewertet werden: Die machten nur was für sich, heißt es im Amt, nicht für die Allgemeinheit. Hier setzt man eher auf die Aktivierung freiwilligen Engagements bei der Parkpflege. Die zugehörigen Diskurse denunzieren Bürger_innen als "Nur-Komsumierende", deren Einstellung zu staatlichen Leistungen sich verändern müsse.
Ernwein zeigt, wie sich sukzessive eine neue Auffassung im Verhältnis Staat/Bürger über nationale Grenzen hinweg (hier: durch den Austausch Schweizer Beamten mit ihren Kollegen in den USA) etabliert. Insofern fasst die Autorin Freiwilligenarbeit als eine Technologie von Regierung, die Bürger_innen dazu bringt, ihre Rollen und Beziehungen mit dem Staat neu zu definieren.
Mit der Transformation von Bürger_innen zu Parkpflegenden geht die Produktion neuer Subjektivitäten entsprechend neoliberaler Ideale von Selbstverantwortung einher: Die Bürger dürfen sich an der Arbeit, aber nicht an Entscheidungsprozessen beteiligen.

Martin Sondermann entwickelt in seinem Beitrag "Gemeinschaftsgärten, Gemeinwohl und Gerechtigkeit im Spiegel lokaler Planungskulturen" einen weniger pessimistischen Blick auf die Zusammenarbeit von Aktivist_innen mit lokalen Behörden. Ihn beschäftigt die Frage, inwieweit urbane Gärten als grüne Gemeinschaftsgüter fungieren und dem Gemeinwohl dienen können. Es geht um das Problem der eingeschränkten Zugänglichkeit und Nutzbarkeit (211) bei Club- und  Gemeingütern, das auch urbane Gartenprojekte betrifft. Gemeinschaftsgärten seien, so Sondermann, als Kontinuum zwischen privat und öffentlich, marktwirtschaftlich und staatlich zu sehen (212). Bezugnehmend auf Düsseldorf und Hannover, beides Städte, in denen die zuständigen politischen Gremien und Verwaltungen Gemeinschaftsgärten gegenüber positiv eingestellt sind und sich grundsätzlich in offenen und unterstützenden Haltungen üben, schildert er, wie städtische Beamt_innen darüber wachen, dass keine Vertreibung unliebsamer Nutzergruppen erfolgt – der Klassiker sind hier Konflikte mit Alkoholikern und/oder Obdachlosen – und sich dafür zuständig fühlen, »verbindliche Regelungen über die Befristung« auszuhandeln, um eine Privatisierung öffentlicher Räume zu vermeiden (220).
Sein Beitrag regt dazu an, die Frage um den öffentlichen Raum auch von Seiten der urbanen Gärtner_innen noch gründlicher zu durchdenken.

Alexander Follmann und Valérie Viehoff berichten in ihrem Beitrag "Das Politische eines Gemeinschaftsgartens – NeuLand in Köln als Experimentierort für urban commoning?" sowohl aus der Innenperspektive (Alexander Follmann) als auch aus der Außenperspektive (Valérie Viehoff) von fünf Jahren Gemeinschaftsgartenprojekt NeuLand in Köln.
Es geht um die Rekapitulation der Ausgangslage des Projekts und die Reflexion, an welchem Punkt man heute steht.
NeuLand verstand sich von Anfang an als »political gardening«. Mit dem Garten sollte sowohl ein politischer Akteur geschaffen werden, der sich in die Stadtpolitik einzumischen gedachte, als auch eine "real existierende Allmende". Dabei sahen sich die Aktivist_innen gleich mit dem Konflikt konfrontiert, zwar einen offenen und integrativen Raum schaffen zu wollen, aber auch Eingrenzungen vornehmen zu müssen. Darüber hinaus, so die Autorinnen, ergeben sich Konflikte aus den vielfältigen Berührungspunkten der real existierenden Allmende NeuLand mit den nach neoliberalen Prinzipien organisierten rechtlichen, sozialen und stadtplanerischen Rahmenbedingungen (244).
Die soziale bzw. die Klassenfrage begegnete den Neuländern schließlich bei der Vergabe der Beete: Angetreten waren sie mit dem Anspruch, alle Beete des Gartens gemeinsam bewirtschaften zu wollen, gemäß ihres politischen Statements, dass eine andere Stadt, dass eine Allmende möglich sei. Nachdem die Pflege der Beete jedoch gemeinschaftlich nicht mehr zu bewerkstelligen war, votierten sie nach heftigen Debatten für die Vergabe von "Privatbeeten", allerdings unter der Maßgabe, dass jede Beetbetreiberin sich zusätzlich zu ihrem eigenen um ein Gemeinschaftsbeet kümmern müsste. Es zeigte sich, dass diese Regelung dem Gemeinschaftsgarten ganz neue Mitglieder bescherte. Plötzlich beteiligen sich mehr Anwohner_innen und mehr Menschen mit Migrationshintergrund an der Gartengemeinschaft. Das Commoning-Prinzip hatte vorher also unbemerkt und unbeabsichtigt zu Ausschluss geführt, es hatte sich den – nicht dem Bildungsbürgertum zugehörigen – Anwohner_innen nicht vermittelt. Die Aufgabe eines hehren Prinzips – und Abstriche an der Allmende zu machen – führte in der Realität zu mehr Beteiligung und also in gewissem Sinne zu mehr Allmende. Dieses verblüffende Ergebnis gibt in der Tat zu denken.
Wie sie ihre Kritik an der kapitalistisch-neoliberalen Verwertungslogik (in Form von Grundstücksspekulation), die der Ausgangspunkt für die Gartengründung war, in die Planung eines Stadtentwicklungsprojekts einbringen, ist eine andere spannende Geschichte, die im Buch erzählt, hier aber nicht verraten wird.
Trotz der im Beitrag beschriebenen Widersprüche – in die man gerät, wenn man eine "realexistierende Allmende" in der neoliberalen Stadt schaffen will – kommen die Autor_innen insgesamt zu einem positiven Fazit: Da sich die Allmende jenseits von Markt und Staat verorte, biete sie eine neue Perspektive für ein Raumverständnis und die Organisation städtischer Räume jenseits der Dichotomie öffentlich/privat (236).
Und: Explizit politische Urban Gardening-Initiativen könnten die für post-demokratische Gesellschaften als typisch beschriebenen informellen Arrangements zwischen (Stadt-)Regierungen und wirtschaftlichen und politischen Eliten konterkarieren und kreativ neue Akteure schaffen, die versuchen, existierende Hegemonien zu demontieren und eine neue, gegen-hegemoniale Vorstellung von Stadt zu entwickeln (254).
Und: Gartenprojekte wie NeuLand zeigten, dass es möglich und notwendig sei, Commons als Alternative zur derzeitigen hegemonialen, neoliberalen, post-demokratischen Stadt(-Planung) zu denken und mit ihnen zu experimentieren, um eine gerechtere, grünere und nachhaltigere Stadt zu schaffen (255).

Fazit
Insbesondere der letzte Beitrag, wie das Buch insgesamt, bietet einen spannenden Einblick in die Gegenwart des Phänomens Urban Gardening. Die Bewegung wächst aus ihren Kinderschuhen heraus und wagt selbstbewusst selbstkritische Blicke auf die eigene Praxis. Die Diskussionen, der kritische Blick auf sich selbst, macht deutlich, hier reflektieren Aktivist_innen ihre Praxis. Sie thematisieren die Schwierigkeiten, widerständig zu bleiben in einer Umgebung, die sich jeden Widerstand sofort anzueignen sucht; und zwar nicht dadurch, dass sie ihn zerstört, sondern indem sie ihn schlicht verdreht. Sie blicken auf die eigenen blinden Flecke, wie sich unversehens Ausschlüsse entlang der sozialen Lage einschleichen, die man nicht bemerkt (NeuLand) oder auch billigend in Kauf nimmt, weil die Auseinandersetzungen mit Randgruppen auch anstrengend sind. Die Perspektive aus der Innensicht einer Bewegung bzw. aus interessierter und informierter Perspektive kommt erfahrungsgesättigt daher. Die Autor_innen sind fast alle nah an ihrem Gegenstand, sie wissen, wovon sie sprechen, sie sprechen aus Erfahrung, verstehen es aber auch, immer wieder Abstand zu gewinnen. Sie thematisieren die Ambivalenzen, um besser mit ihnen umgehen zu können. Sie ringen um Wege, sich nicht vereinnahmen zu lassen von der neoliberalen Stadt. Sie wissen, dass die Gefahr der Vereinnahmung groß ist und versuchen sie zu bannen, indem sie sie offenlegen, sie reden sie nicht klein. Sie thematisieren die Widersprüche ihrer Praxis, die Widersprüche, mit denen sie umgehen müssen, in denen sie sich bewegen. Es ist ein spannendes Buch, das die Finger in manche Wunde legt. Insbesondere ist spannend, wie die einzelnen Beiträge explizit oder implizit aufeinander Bezug nehmen, aufeinander antworten, sich mitunter auch widersprechen. Ein zusätzlicher Pluspunkt ist, dass hier verschiedene Perspektiven versammelt wurden. Dass man in diesem Buch verhältnismäßig wenig von den Potentialen urbaner Gemeinschaftsgärten erfährt, verdankt sich der erklärten Absicht der Herausgeber_innen, einen kritischen Blick auf die Projekte und ihre Umgebungen werfen zu wollen. Eine genaue Analyse der Prozesse neoliberaler Vereinnahmung als ein notwendig ambivalentes Geschehen im Kapitalismus, und damit eine Antwort auf die Frage, wie nicht-kapitalistische Formen verteidigt werden können, halten jedoch auch sie nicht bereit.
Manche Dinge hätte man gerne noch genauer gewusst, beispielsweise welche Projekte wohl gemeint sind, wenn von "stylischen Gärten" die Rede ist, die eine Vereinnahmung leichter ermöglichen als andere. Oder inwiefern sich die Spaltung zwischen den älteren Interkulturellen Gärten einerseits und neuen "stylischen" Gärten verschärft? Sollte diese Spaltung tatsächlich existieren, wäre sie einer genaueren Betrachtung doch eigentlich wert gewesen.
Alles in allem: ein spannendes Buch, ein wichtiges Buch, zum Lesen unbedingt zu empfehlen!

Sarah Kumnig / Marit Rosol / Andrea*s Exner (Hg.) (2017):
Umkämpftes Grün. Zwischen neoliberaler Stadtentwicklung und Stadtgestaltung von unten.
268 Seiten, kart., zahlr. Abb., erschienen in der Reihe Urban Studies, transcript Verlag
ISBN 978-3-8376-3589-8, EUR 29,99
http://www.transcript-verlag.de/978-3-8376-3589-8/umkaempftes-gruen
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Ökofeminismus

Ökofeminismus
Das Buch erschien erstmals vor mehr als 25 Jahren. Maria Mies und Vandana Shiva analysierten in ihren Studien systematisch und faktenreich den Zusammenhang (post)kolonialer, naturzerstörender und frauenmissachtender Gewalt und bewiesen eine erstaunliche analytische Weitsicht. Denn die dargestellten Probleme sind seither nicht verschwunden, sondern haben sich im Gegenteil weiter verschärft. Die weltweit bekannten Vertreterinnen des Subsistenzansatzes schildern aber auch, wie sich Frauen, besonders im Globalen Süden, phantasievoll und erfolgreich zur Wehr setzen. Sie zeigen, dass eine bessere Welt nicht nur notwendig ist, sondern längst begonnen hat sich zu formieren. Das Buch kann sowohl wachstumskritische wie auch postkoloniale Überlegungen und Bewegungen inspirieren und erscheint deshalb auch passend zum „Material Turn“ im Feminismus.
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Nicht alle Gärten starten gut in die Saison

Nicht alle Gärten starten gut in die Saison
Nicht nur in Dresden ist der Garten gefährdet (soll einem Parkhaus weichen), auch in Augsburg (Fläche wurde gekündigt) oder z.B. Leipzig stehen die Projekte vor großen Herausforderungen:

Seit zehn Jahren gibt es die Nachbarschaftsgärten in Leipzig Lindenau. 2004 verwandelten engagierte StadtteilbewohnerInnen eine verwahrloste Brache in eine blühende Oase. Sie entmüllten die Fläche, legten Beete an, setzten die auf dem Grundstück stehenden Gebäude wieder instand und richteten zwei Werkstätten und eine Küche ein. Allmählich entwickelten sich die Nachbarschaftsgärten zu einem beliebten und belebten Nachbarschafts- bzw. Stadtteiltreff. Hier werden nicht nur Pflanzen gegossen und Schweine (und Hühner und Kaninchen) gefüttert, hier finden jede Menge selfmade Kultur- und Bildungsveranstaltungen statt. Der Garten versteht sich als Plattform für die diversen Stadtteilaktivitäten. 

Die Nachbarschaftsgärten hatten einen wesentlichen Anteil daran, dass sich die problematische Situation im Viertel nach der Abwanderung großer Bevölkerungsteile allmählich wieder stabilisierte. Inzwischen ist in Leipzig und auch in Lindenau wieder Zuzug zu verzeichnen, und so verwundert es nicht, dass sich der Eigentümer des größten Teils der Fläche – eine Schweizer Immobilien AG – nun für ihre „Entwicklung“ interessiert. Obwohl die GärtnerInnen als ZwischennutzerInnen immer damit rechnen mussten, die Fläche wieder räumen zu müssen, stellen sie heute die Frage, ob es nicht auch ein berechtigtes/öffentliches Interesse an dem Erhalt eines solchen Freiraums gibt. Die GärtnerInnen wollen sich jedenfalls nicht kampflos geschlagen geben, sondern über den Erhalt ihres Gartens verhandeln und eine öffentliche Diskussion über die Verstetigung der Gärten mit Stadt und Eigentümer führen.

Weitere Informationen:
http://www.nachbarschaftsgaerten.de/news/33-aktuelle-situation-der-nachbarschaftsgaerten

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Subsistenz und Moderne

Subsistenz und Moderne
„Subsistenz und Moderne. Texte über das, was bleiben soll“, heißt ein neues Buch, herausgegeben von Michael Berls und Jacqueline Krause. Es ist gewissermaßen eine Hommage an Ivan Illich, den klugen und engagierten Verfechter von Subsistenz und Konvivialität und dem Recht anderer Kulturen, anders (als der Westen) zu sein. Illichs Werk, schrieb Wolfgang Sachs, „ist ein groß angelegter Nachruf auf die versinkende Welt nichtindustrieller Kulturen“ (38) und kann als „Aufruf und Ermutigung zu einer selbstbestimmten, freien, subsistenten Lebensweise gelesen werden“ (39). In der modernen Gesellschaft, so beurteilte Illich die Lage, dürfen Menschen nicht mehr eigenmächtig handeln, sie verlieren ein Privileg nach dem anderen, sich außerhalb ihrer Jobs und ohne Kontrolle von Experten nützlich betätigen, ihre Angelegenheiten selber zu regeln, sie werden von der Geburt bis zu ihrem Tod verwaltet (40). Kein Warenreichtum, so Illich, wiegt diese Entmündigung auf. Diese Sicht der Dinge machte Illich zu einem kompromisslosen Kritiker der westlichen Entwicklungspolitik. Als Priester der katholischen Kirche in Lateinamerika und späterer Gründer des Centro Intercultural de Documentación hat er ihre zerstörerischen Folgen hautnah erlebt und unermüdlich angeprangert.

Auch der Fokus der AutorInnen des Buchs „Moderne und Subsistenz“ ist auf den globalen Süden gerichtet: Dort werden den Menschen fortgesetzt die Möglichkeit zur Subsistenz, d.h. zur eigenständigen, vom Zwang zu Lohnarbeit und Warenproduktion (Cash Crop-Produktion) freien Existenz, entzogen. Das Verschwinden der Subsistenz, schreibt Reimer Gronemeyer im Vorwort zum Buch, und er meint damit die Möglichkeit, sich selbst zu ernähren, sich selbst zu kleiden, sich selbst zu behausen, ist ein globaler Prozess, im Norden weiter fortgeschritten als im Süden. Und in der „Dritten Welt“ mit mehr Elend verbunden, weil in der „Ersten Welt“ bekamen die Menschen statt der Subsistenz die Lohnarbeit, dort bekommen die Menschen: nichts. Sie verlieren die Möglichkeit, sich selber zu versorgen und können aber auch kein Geld verdienen, ihre (Lohn-)Arbeitskraft wird nicht gebraucht. Die Entwicklungslogik führt „zum Ausschluß sowohl von reeller Lohnarbeit als auch von traditioneller Subsistenz“ (RiO) (42).

Das Verschwinden der Subsistenz erfolgt durch die Vernichtung des Eigenen: des eigenen Saatgutes, der eigenen lokalen Märkte durch den Anschluss an die Weltwirtschaft, durch den internationalisierten „Bildungszwang“ (7), durch die globale Gesundheitspolitik. Es ist zweifellos verdienstvoll und notwendig, einmal mehr darauf hinzuweisen, dass die „Entwicklung“ die man der Dritten Welt seit den 1960er Jahren andient, nicht die Lösung, sondern die Verursacherin des Problems ist. Tatsächlich ist es immer noch so, dass der Dritten Welt das westliche Ökonomiemodell empfohlen wird, in das sie doch, seit 60 Jahren mit immer dramatischeren Folgen, verstrickt ist.

Im ersten Beitrag verfolgt Michael Berls Genese und Gebrauch des Begriffs „Subsistenz“ in der abendländischen Philosophiegeschichte, um einen anderen Blick „auf gesellschaftliche und gemeinschaftliche Chancen subsistenter Lebensformen zu ermöglichen“. Und es geht ihm dabei auch um die (Selbst-)Ständigkeit der Seele, der Person, des Seins. Im Grundsatz will er darauf hinaus, dass die Zerstörung der Subsistenz der Würde des Menschen schadet, weil er fortan nicht mehr Zweck an sich (was Kant als Grundbedingung einer sittlichen Gesellschaftsordnung ausmachte), sondern Mittel zum Zweck ist (der Profitmaximierung nämlich). Auch Hegel sah laut Berls einen Zusammenhang zwischen „der Eigenständigkeit einer Person und einer besonderen Art der Bewirtschaftung von Grund und Boden“ (25).

Mit der Verallgemeinerung der kapitalistischen Produktionsweise hört nach Marx, so Berls, die sinnliche Außenwelt auf, ein der Arbeit angehöriger Gegenstand, Mittel für die physische Existenz zu sein. Sprich, der Arbeiter produziert nicht mehr für sich, für seinen Lebensunterhalt, sondern fürs Kapital. Die Abkehr von der Subsistenzwirtschaft widerspricht dem ursprünglichen ökonomischen Prinzip, das auf Bestand angelegt war (26). „Das ursprüngliche ökonomische Prinzip“ war eng mit der Agrikultur verbunden. „Subsistenz wird [z.B. bei Tönnies, Weber, Darwin] einerseits gleichbedeutend mit Existenz genutzt, meist jedoch als besondere Art der Existenzweise: der bäuerlichen Agrarkultur“ (28).
Die meisten im Beitrag zitierten Geistesgrößen gehen davon aus, „dass die moderne Zivilisation auch eine Überwindung, Überformung, Neuerung der subsistenten Wirtschaft und Gemeinschaft bedeutet.“ (28) Bis zur „großen Transformation“ (Polanyi) folgte die Wirtschaft dem Bedarfsdeckungsprinzip. Diese bäuerliche, subsistenzwirtschaftliche Idee galt auch für die „gewerbliche Produktion, (...) Handel und Verkehr (…) und hat hier die Geister beherrscht, solange diese Wirtschaftssphären handwerksmäßig organisiert waren.“ (Sombart) (29)

Ivan Illich ließ sich leiten von der Frage bzw. beurteilte eine Institution danach, „ob sie die Fähigkeit des Menschen zu mehr Lebendigkeit und Freude fördern oder behindern“ würde (34). Illich scheute sich nicht, Stellung zu beziehen, er sprach von schädlichen Formen der Technisierung, Industrialisierung, Institutionalisierung; und davon, dass die entmündigende Marktabhängigkeit nicht nur zur Zerstörung von Kultur, sondern auch von „nicht marktbaren Aktivitäten auch in Gebieten, wo noch bis vor kurzem die meisten Bedürfnisse in einem Leben der Subsistenz befriedigt wurden“ führe (39).

Ivan Illich bezog sich auf unterschiedlichste Denker und Theoretiker (von Schumacher, Fromm, Mumford, über Gorz und Freire bis hin zu Marcel Mauss), eine Feministin war jedoch nicht darunter. Diese Tradition schreiben die Autoren des Buchs in ihren Beiträgen fort. So erwähnen sie den Bielefelder Subsistenzansatz zwar, aber ohne sich wirklich mit seinem theoretischen Eigensinn zu befassen. Sie gehen schon mit der Nennung der Namen nicht besonders sorgfältig um, z. B. fehlt der Name von Veronika Bennholdt-Thomsen bei der Aufzählung der Theoretikerinnen, und an anderer Stelle wird ihr Name verhunzt. Wichtige Literaturangaben und eine Bezugnahme auf neuere Arbeiten (u.a. zu Urban Gardening und Commons) fehlen fast vollständig (stattdessen wird aus einem journalistischen Beitrag aus dem Greenpeace Magazin zitiert). Das ist nicht wirklich erklärlich, wir denken, dass die neuen Praxen des Selbermachens von Urban Gardening über Recycling und Upcycling bis hin zu lokalen Tausch- und Teil-„Börsen“ eine Menge über die komplexe Struktur der Moderne vermitteln und Anknüpfungspunkte bieten, über neue urbane Formen der Subsistenz auch in Ländern des globalen Nordens nachzudenken.

Ein weiteres, damit zusammenhängendes, Manko des Buches ist, dass praktisch nicht vorkommt, jedenfalls nicht systematisch analysiert wird, dass der Kapitalismus auch etwas mit dem Geschlechterverhältnis zu tun hat, an einer Stelle wird auf Illichs Unterscheidung zwischen traditionellem Genus und kapitalistischem Sexus rekurriert. Dass es eine wesentliche Differenz zwischen Illich und dem feministisch geprägten Bielefelder Subsistenzansatz gab, wird weder diskutiert noch überhaupt deutlich. Das gesellschaftliche Verhältnis zu Subsistenz, Frauen und Natur ist in der Moderne aber unentwirrbar verzahnt, sprich die gesellschaftliche Lage von Frauen ist bedingt durch das gesellschaftliche Verhältnis zur Subsistenz, insofern wäre dieser Streitpunkt durchaus von Interesse gewesen.

Fazit: „Subsistenz und Moderne“ ist ein verdienstvolles Buch, insofern es Ivan Illich würdigt, sein Engagement und seinen Geist, und einmal mehr die Vorstellung von Wachstum, Fortschritt und Entwicklung als verhängnisvolle, tödliche Ideologie demaskiert, also Stellung bezieht. Es informiert zudem über die Stationen der diversen Entwicklungsdekaden, über die diversen „Grünen Revolutionen“, die der globale Süden über sich ergehen lassen musste, sowie die Ideologielastigkeit westlicher Bildungs- und Gesundheitskonzepte. Überdies erzählt es Geschichten von subsistenten Lebensweisen.
Es trägt jedoch wenig zu der Klärung der Frage bei, wie subsistente Lebensweisen im globalen Norden möglich bzw. wieder herzustellen wären. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass die Autoren des Buches unter „Subsistenz(-produktion)“ (Illich folgend) die Fähigkeit verstehen, sich unabhängig (und individuell) vom Markt selbständig zu versorgen, und nicht, wie im Subsistenzansatz, die Produktion für das Lebensnotwendige, die nicht marktförmig organisierte, gleichwohl auf ein Lohneinkommen angewiesene Arbeit, die der unmittelbaren Versorgung gilt. Nach feministischem Verständnis ist die Hausfrauenarbeit die moderne Form der Subsistenz, für Illich ist sie schon deshalb keine Subsistenz, weil sie keine eigenständige Existenz (jenseits des globalen Marktes) begründet und insofern immer eng mit Konsum verknüpft bleibt. So gesehen gibt sein Konzept wenig Hinweise für die „Erste Welt“, denn die Möglichkeit, sich und andere unabhängig vom globalen Markt mit dem Lebensnotwendigen zu versorgen, scheint gegenwärtig in weiter Ferne, insbesondere wenn man diese Möglichkeit vom Individuum her denkt. Anders sieht es aus, wenn man von Commoning und der gemeinsamen Bewirtschaftung von Gemeingütern ausgeht. Zwar sind auch dann die Verfügung über Land und Lebensmittelproduktion unabdingbar, aber möglich in Kombination mit lokal verfassten Märkten und städtischer Lebensweise. So entsteht ein Experimentierfeld. Auf dem Land ebenso wie in den Städten.

Den Doppelcharakter oder die Ambivalenz der modernen Subsistenzproduktion, einerseits für die Wiederherstellung von „Arbeitskraft“ zu sorgen, aber andererseits lebendige Menschen zu versorgen, zu akzeptieren, bedeutet, auch in den Verhältnissen selbst ein subversives Potential auszumachen. Und nicht auf eine heile Welt jenseits der Verhältnisse zu hoffen. D.h. Subsistenz ist weder in dieser noch in jener Welt das Reich der Freiheit, sondern hier wie dort beschädigt und voller Ambivalenz. Diese Ambivalenz ernstzunehmen, ist womöglich erst die Voraussetzung für Widerstand oder Subversion. Die neuerdings auf städtischen (und auch regionalen) Bühnen auftretenden ProtagonistInnen einer neuen Subsistenz haben sich jedenfalls von der Vorstellung verabschiedet, man müsse zunächst ein anderes Gesellschaftmodell „installieren“. Sie konzentrieren sich auf die Dinge, die zu tun sind und vertrauen auf ihr transformatorisches Potenzial.


Michael Berls/Jacqueline Krause (Hrsg.): Subsistenz und Moderne. Texte über das, was bleiben soll. Johannes Herrmann Verlag. Gießen 2013, 215 Seiten, 12 Euro.
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