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Gekommen, um zu bleiben

4.-Dinnercommunity


Das erste Jahr des Netzwerk Demokratiecafés geht zu Ende. Zeit, in der Flut des Genres „Jahresrückblick“ einen weiteren im Wellengang der Geschichte zu versenken. Der klassische Jahresrück hangelt sich von Monat zu Monat und setzt nochmal die – je nach „Zielgruppe“ positiven oder negativen – Highlights der vergangenen zwölf Monate ins rechte Licht der eigenen Erzählung. Es gibt einen Beginn und ein vorläufiges Ende, an Silvester werden durch Böller und Raketen die bösen Geister vertrieben und danach beginnt ein neues Jahr: ein Jahr, wie jedes andere auch. Was ist also geschehen, das ewig so weitergeht?

Das Demokratiecafé ist gekommen, um zu bleiben. So viel steht schon mal fest. Es gibt viele Menschen, die an der Demokratie festhalten und sie als bestes aller Regierungssysteme verteidigen. Gemeint ist dabei so gut wie immer die Form der liberalen parlamentarisch-repräsentativen Demokratie, in der sie sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten kaum weiterentwickelte. Das Demokratiecafé ist als demokratische Innovation aus dem Forschungsprojekt RePair Democracy an der Hochschule München hervorgegangen. Eine demokratische Innovation versteht sich als Erweiterung, Verbesserung oder Vertiefung demokratischer Verfahren. Normalerweise – in der Logik wissenschaftlicher Projektförderung – wäre das Projekt Ende 2022 beendet gewesen. Es wird ein Vier-Jahresrückblick als Abschlussbericht vorgelegt und nach neuen Förderlinien und Forschungstrends Ausschau gehalten. Das Demokratiecafé wäre wahrscheinlich in der Schublade verschwunden. Doch es geschah anders: 2023 startete das Format des Demokratiecafés mit dem Aufbau eines Netzwerks bei der anstiftung erst richtig durch. Das Ende bedeutete den Beginn einer Kontinuität.

Erste Verbindungen

Das erste Demokratiecafé fand in diesem Jahr am 27. Januar im Selbsthilfezentrum München statt. Zwei Monate später wurde bereits der erste Erfolg berichtet: Eine Besucherin hat sich angeregt durch das Demokratiecafé um eine genossenschaftliche Wohnung gekümmert und eine bekommen. Neben der Vernetzung mit Gleich- und Andersgesinnten sowie der gemeinsamen Auseinander- und Zusammensetzung von Vorhaben eines guten Zusammenlebens, hat das Demokratiecafé ermächtigende Effekte. Leute können lernen und erfahren, wie sie problematische Dinge in ihrem Leben angehen können. Was dort noch geschah und warum das Demokratiecafé so gut in ein Selbsthilfezentrum passt, berichtet der langjährige, mittlerweile leider ausgeschiedene Mitarbeiter Erich Eisenstecken hier. Zum Demokratiecafé eingeladen wird aktuell von Eva Parashar. Sie berichtete mir vom letzten Demokratiecafé: „Für das letzte Demokratie-Café hatte sich nur eine Person angemeldet, deshalb habe ich die Veranstaltung abgesagt. Es sind dann aber überraschenderweise doch ca. 7 Personen (die nicht angemeldet waren) aufgetaucht. Da ich nicht vor Ort war, haben die Überraschungsgäste dann einfach selbstorganisiert ein Demokratiecafé durchgeführt. Es war anscheinend ein guter Austausch, was mich sehr gefreut hat.“ Genau das ist die Idee dahinter, dass sich Leute einfach so regelmäßig zu einem konstruktiven Austausch zusammenfinden und Veränderungen in ihrem Nahfeld anstoßen.

In diesem Jahr wurden auch erste Verbindungen nach Berlin geknüpft. Am 30. Mai wurde am Allesandersplatz, einem Modellprojekt am Haus der Statistik, zum Mitmach-Café eingeladen. Es wurde das Bedürfnis geäußert, mehr Kontakt zur Nachbarschaft zu knüpfen. Ein Vorhaben, das bereits seit Jahren seiner Realisierung harrt. Ein ähnliches Ansinnen formte sich auch aus dem MOOS Space am Treptower Park. Immer mittwochs fand ab 18 Uhr ein Community Dinner statt und immer mal wieder in diesem Kontext der MOOS-Mitmach-Mittwoch. Es hat sich gezeigt, dass das Format des Demokratiecafés Kapazitätsgrenzen hat, die von einem Improvisationstheater durchaus gedehnt werden können: hier in Aktion.

Ebenfalls zum allerersten Mal fand im Mai das IsarLokal im Gesellschaftsraum statt. Dieser nahe dem Gärtnerplatz in München gelegene Ort wird kuratiert und bespielt von neuland&gestalten, einer Agentur zur Förderung der demokratischen Kultur mit dem Auftrag: „Wir wollen die Gesellschaft und Demokratie von morgen gestalten.“ Das IsarLokal ist ein erstes schönes Beispiel dafür, wie aus dem Demokratiecafé eine eigene, für den speziellen Ort zugeschnittene Marke entwickelt wird. „Demokratiecafé“ ist der Name der Methode und der Dachbegriff für ein Netzwerk des basisdemokratischen Selbermachens. Unter welchem Namen die Leute vor Ort dazu eingeladen werden, was sie anspricht und zum aktiven Miteinander anstiftet, mag im Einzelfall unterschiedlich sein. Auch wenn es paradox klingen mag: Demokratie is not everybody’s darling. Oder, wie es eine Kollegin aus der Münchner Stadtbibliothek sagen würde: Don't call it by it's name! Die Lehre, die sich daraus ableiten lässt: Wer die Demokratie retten will, sollte weniger auf gute Vorsätze in ihrem Namen setzen. Lieber machen statt labern!

Entpolarisierung

Ein Forschungsprojekt zur Reduzierung von Autos in Quartieren (aqt) in der Kolumbusstraße in München sorgte bundesweit für Aufsehen. Es war von Krieg die Rede, es flogen Eier und es wurde scharf mit einer Wasserpistole geschossen. Der Anlass: Parkplätze wurden zugunsten von Aufenthaltsflächen temporär entfernt. Das Projekt holte die gesamtgesellschaftliche Konfliktlage in einer kleinen Straße an die Oberfläche  und versetzte die Nachbarschaft in einen „Krisenmodus“ (Wort des Jahres 2023). Hier konnte man im Kleinen studieren und erleben, was der fossilen deutschen Gesellschaft im Großen blüht: Mit den Autoabhängigen ist keine Veränderung zu machen. Das Anrecht auf einen städtischen Parkplatz ist tief in die Mentalitätsstrukturen eingeschrieben. Was sich mit diesem Projekt auch gezeigt hat, ist das Beteiligungsparadoxon: Als die Leute zu ihren Wünschen und Vorstellungen zur Umgestaltung der Straße befragt und beteiligt wurden, machten nur wenige mit. Als aber „die Bagger anrollten“ und keine Mitbestimmung mehr möglich war, wurden die Rufe laut, auf einmal vor vollendete Tatsachen gestellt worden zu sein. Nun wollten alle mitmischen und die Straße zerfiel in zwei Lager: die Pros und die Cons.

Am 10.08. fand das erste Demokratiecafé im Kontext der Straßenumgestaltung statt und konnte die aufgeheizte Debatte für eine kurze Zeit in konstruktivere Bahnen lenken. Es wurde die Polarisierungslogik – entweder dafür oder dagegen – verlassen und nach möglichen gemeinsamen Lösungen gesucht. Dies erfordert zunächst Übung, da das aktuelle Betriebssystem der Demokratie mit dem Programm der Mehrheitsbeschaffung läuft und entsprechend Gegnerschaften zu organisieren hat. An diesem Nachmittag ging es aber nicht darum, wer die durchsetzungsstärkere Gruppe zusammenbekommt, sondern selbst eine starke Gruppe zu werden. Als Methode eignet sich dafür das Systemische Konsensieren, das darauf abzielt, Bedürfnisse und Widerstände aller an einer Sache Beteiligten in eine gemeinsame Lösung zu integrieren. Das Ergebnis lautet dann nicht entweder A oder B, sondern ein bislang noch gar nicht bedachtes und ermitteltes C.

Das Forschungsprojekt aqt hat zutage gefördert, was an sozialem Sprengstoff unter jedem deutschen Straßenbelag schwelt. Die Leute wurden darauf gestoßen, dass sie einen nachbarschaftlichen Zusammenhang bilden und in der Lage sind, entgegengesetzte oder gemeinsame Sache zu machen. Unter dem Arbeitstitel „Vierteldialog“ werden die langfristig zu haltenden Anstrengungen fortgeführt, auf all den destruktiven Bahnen einen gemeinsamen Weg zu finden. Wichtig dabei ist, dass Menschen, die einer lokalen Veränderung vor Ort ausgesetzt sind, vom Objekt einer Veränderung zum Subjekt der Veränderung werden. Das bedeutet, dass sie an der Umsetzung von Veränderungen beteiligt sind und sich selbst und ihre Umwelt verändern.  

Wie es weitergeht

Auch im neuen Jahr wird das Netz weitergesponnen, um mit dem Demokratiecafé die Gesellschaft gemeinsam zu reparieren. Der nächste Anlauf dazu findet am 11.01.24 in der Stadtteilbibliothek HP8 (Gasteig) ab 19 Uhr in München unter dem Motto „Gemeinsam unser Viertel gestalten!“ statt. Anmeldungen gehen per Mail an: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein..

Mit der Münchner Initiative Nachhaltigkeit ging das Projekt „Gutes Leben im Quartier“ (GuLeQua) an den Start. Damit wollen wir Quartiers-Initiativen vernetzen, stärken und bei der Beteiligung der Nachbarschaften unterstützen. “Besonders städtische Quartiere können geeignete Orte und Treiber eines gesellschaftlichen Wandels sein – hin zu einer starken Demokratie, einer fairen und ökologischen Ökonomie und mehr sozialem Zusammenhalt.“ (Davide Brocchi) Wie sich auch schon in der Kolumbusstraße gezeigt hat, fängt die gesellschaftliche Transformation im Kleinen, im ganz konkreten Lebensraum der Leute an. Gesellschaftlicher Wandel ist primär eine soziale Frage, die mit technischen Lösungen flankiert und erleichtert werden kann – nicht umgekehrt. Hier gibt es ein Kurzkonzept zum guten Leben im Quartier.

Ein weiteres Vorhaben ist die Anbindung einer Anschlussplattform an das Demokratiecafé, um gemeinsame Projekte verbindlicher planen und realisieren zu können. Bislang bleibt noch zu vage, wie die Ergebnisse aus den Treffen zu einer regelmäßigen Initiative werden. Zusammen mit der Digitalen Projektfabrik wollen wir Werkzeuge für eine kollaborative Demokratie entwickeln, um Beteiligungshürden zu verringern und das Spektrum der demokratischen Intelligenz zu vergrößern. Kollaborative Demokratie ist eine Version der Demokratie, die wesentlich auf Zusammenarbeit setzt und möglichst viele Potenziale zur Lebensraumgestaltung mit einbezieht und mitwirken lässt. Sie funktioniert dezentral, lokal, lösungsorientiert, experimentell und präzise.

Als umfassendes und möglicherweise zukunftsweisendes Kooperationsprojekt ist eine Zusammenarbeit mit der Stadt Dortmund und der Sozialforschungsstelle (sfs) der TU Dortmund geplant. Dortmund fördert besonders Nachbarschaften und möchte in diesem Rahmen nachbarschaftliche Beteiligungsräume ausweiten. Bislang ungelöst ist die Frage nach unterschiedlichen „Beteiligungskulturen“ – bspw. haben nicht alle Sprachen einen Begriff und damit auch keine Vorstellung von Teilhabe. Als Chamäleon der Partizipation kann das Demokratiecafé in unterschiedliche Sozialräume eintauchen, um herauszufinden, wie Demokratie an der Basis funktionieren kann. Das ist Grundlagenforschung im wörtlichen Sinne, um einen hoffnungsvollen Boden für eine Demokratie im Wandel zu schaffen.

In diesem Sinne: Auf viele weitere Jahre und ein wachsendes und gedeihendes Netzwerk!

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